Studydrive – „Europas führende Kollaborationsplattform für Studenten“

Die Digitalisierung nützt auch der Bildung: Auf simple aber auch sehr wirkungsvolle Weise vor allem durch Senkung der Distributionskosten. Wissen zu verbreiten ist im Gegensatz zu früher unglaublich billig geworden. Nur auf diese Weise konnten so großartige Dinge wie z.B. die Wikipedia überhaupt entstehen.

Die Distribution von Wissen in Form von Lehr- und Lernmaterialien ist auch einer der Haupteinsatzzwecke von Lernmanagementsystemen wie Moodle, Ilias oder Stud.IP. Den Entwicklern solcher Plattform ist dieser Aspekt aber häufig nicht besonders wichtig: Echtes, gutes, spannendes E-Learning wird eher bei interaktiven Features oder neuartigen Werkzeugen gesehen. Insbesondere Stud.IP hat den Dateibereich in den letzten Jahren sehr vernachlässigt, so dass dort nun viele der Funktionen fehlen, die insbesondere Studierende von anderen Dateiaustauschdiensten gewohnt sind. Hier gibt es also einiges nachzuholen.

Hier soll es aber jetzt um einen neuen Dienst für Studierende gehen, der ein wenig auch in diese Lücke stößt: studydrive.net, Motto: „Lernmaterial teilen und belohnt werden“. Oder, wie es in einer E-Mail, die ich nach dem Upload einer Datei erhalten habe, hieß: „Du hilfst damit nicht nur deinen Kommilitonen, sondern verdienst dir damit auch ein goldene Nase.“

Toll! Ein Dienst, der nicht nur kostenlos ist, sondern auch noch massenweise Nasenvergoldung betreibt. Was steckt dahinter? Mehr als noch ein „revolutionärer“ Bildungsdienst, der die Universität ins 21. Jahrhundert holt? (Man erinnere sich z.B. an den still und heimlich wieder versteckten Versuch iversitys ein bundesweites LMS zu etablieren – das war bevor man dort die Moocs entdeckte) Studydrive bezeichnet sich immerhin selbst als „Europas führende Kollaborationsplattform für Studenten“…

Zunächst wählt der frisch registrierte Nutzer in einem einigermaßen zeitgemäßen Interface seine Heimatuni aus und kann sich dann in bereits in der Plattform vorhandene Kurse eintragen. Es fehlt ein gewünschter Kurs? Kein Problem, leg ihn einfach an. Im Kurs kann dann jeder Dokumente hochladen. Die Datei(en) sind per Drag und Drop schnell ausgewählt und sollen dann noch klassifiziert werden. Zur Auswahl stehen: „Zusammenfassungen“ – „Mitschriften“ – „Klausuren“ – „Übungen“ und „Sonstige“. Wer ganz genau hinschaut, entdeckt noch den Hinweis: „Bitte lade keine urheberrechtsgeschützte Dokumente von Professoren, deiner Uni, Verlagen oder anderen
Urhebern hoch und achte darauf, dass die Dateien mit unseren AGBs übereinstimmen.“ Der Upload kann auch anonym erfolgen, d.h. die anderen Nutzer erhalten keinen Hinweis darauf, wer’s hochgeladen hat.

So weit, so gut. Und extrem revolutionär. Natürlich nur, wenn man die seit langem auch digitale Tradition der Sehschlangen, Klausurenschränke, usw. außen vor lässt. Oder Lernmanagementsysteme der Hochschulen.

Aber woher kommen jetzt die goldenen Nasen? Ganz einfach! Für Downloads bekommt man Punkte. Das Modell ist damit immerhin schon ein klein wenig sinnvoller als der Stud.IP-Score, bei man für’s bloße Abladen von Infos Punkte bekommt. Bleibt es allerdings bei Stud.IP bei einer bloßen Punktzahl samt „Rangbezeichnung“, kann man bei Studydrive die Punkte gegen geile Prämien eintauschen. Die allergeilsten dieser Prämien sind selbstverständlich Apple-Produkte und so muss man für ein iPad Air lediglich 96.000 Punkte vorweisen. Pro Download einer meiner Dateien gibt es derer 4, macht also 24.000 Downloads.

Die durch die Weitergabe von höchsteigenen Mitschriften und Gedächtnisprotokollen aus Prüfungen zu erreichen, dürfte allerdings schwierig sein. Viel verlockender ist es da doch wohl, fremde Federn zu verwenden, um sich schmücken zu lassen. Und ein kurzer Check von 2-3 Dutzend unterschiedlicher Dateien, die sich auf der Plattform finden lassen offenbart: Urheberrechtsverstöße sind eher die Regel als die Ausnahme.

Problematische Dateitypen waren z.B.:

Vorlesungsskripte, die offenkundig nicht vom Uploader selbst verfasst wurden. Auch wenn solch ein Skript kostenlos und öffentlich im Internet abrufbar ist, darf man es nicht einfach irgendwo anders hochladen.

Digitale Mitschriften, die offenkundig nicht selbst erstellte Abbildungen ohne Quellenangaben enthielten. Eventuell könnte man argumentieren, dass es sich dabei um urheberrechtlich unproblematische Zitate in wissenschaftlichen Werken handelt. Ohne genau Quellenangabe wird das aber nichts.

Klausuren und Prüfungsfragen. Ja, das Urherberrecht ist gemein, aber sorry, es ist nicht zulässig, Prüfungsfragen, Klausuren, Musterlösungen, die jemand anders erstellt hat, einfach weiterzugeben. Schon gar nicht, damit ich eine goldene Nase bekomme. Ausnahme: Gedächtnisprotokolle, z.B. von mündlichen Prüfungen.

Stellt sich noch die Frage nach dem Geschäftsmodell, mal wieder. Wie soll der ganze Segen für Studierende und Menschheit eigentlich finanziert werden? Studydrive schreibt dazu in seiner Pressemappe: „Geld verdient das Startup durch Partnerschaften mit Unternehmen, die sich auf der Plattform als Top-Arbeitgeber positionieren und Studierende zielgerichtet ansprechen können. Unternehmen wie Allianz, Deloitte, Roland Berger, KPMG oder die Deutsche Leasing nutzen bereits erfolgreich diese Möglichkeit der passgenauen Nachwuchsgewinnung.“ Auf diese Weise habe man im letzten Jahr Umsätze im mittleren fünfstelligen Bereich erzielt – was angesichts von mehr als 10 Mitarbeitern, die auf der Webseite ausgewiesen werden, den Technikkosten und der versprochenen Prämienflut nur ein Tropen auf den heißen Stein ist. Udacity hatte zunächst ein ähnliches Geschäftsmodell ausprobiert, ist davon aber schnell wieder abgewichen. Und ob ich als Unternehmen auf einer Plattform um Nachwuchs buhlen möchte, wo sich Menschen tummeln, die sich von versprochenen iPads verleiten lassen, gerne mal haarscharf neben das geltende Urheberrecht zu greifen? Vielleicht.

Die letzte spannende Frage zu dieser Plattform, die nach meiner Ansicht keine Zukunft hat, ist die, was der vom Prämienrausch erfasste Uploader denn Studydrive eigentlich für Rechte an den hochgeladenen Dateien einräumt. Details dazu verraten die AGBs, die allerdings vermutlich komplett unwirksam sind, weil sie nur auf englisch angeboten werden (zu solchen Fällen gibt es Gerichtsurteile). Dort wird zunächst noch behauptet, der Nutzer behalte alle Rechte an den hochgeladenen Dateien, dann folgt aber: „If the user decides to upload and publish content on StudyDrive he grants studydrive UG (haftungsbeschränkt) transferable, non-exclusive, rights of use. Furthermore the right of use is unlimited in time and is not subject to any geographic restrictions“. Ich gebe also nach Vorstellung von Studydrive das Recht auf Depublikation ab. Selbst wenn ich die Datei wieder lösche, kann sie von Studydrive weiter genutzt werden, für was immer Studydrive damit tun mag. Inklusive weitergeben, verkaufen, zu Werbezwecken benutzen, und so weiter.  Aber vielleicht – ich gehöre schließlich einer anderen Generation an – ist die Aussicht auf ein iPad das ja wert.

 

 

Die Sache mit dem Erkennen digitaler Geschäftsmodelle

Kürzlich beklagten sich Lehrende darüber, wie schrecklich naiv die Studierenden doch seien. So würden sie tatsächlich denken, bei Facebooks Geschäftsmodell ginge es darum, ein soziales Netzwerk aufzubauen und die Kommunikation zwischen Menschen zu ermöglichen. Ha! Ha ha! Dabei müsse doch jeder wissen, dass es nur darum ginge, mit den Daten der Nutzenden Geschäfte zu machen. Das Mastschwein wurde in die Runde geworfen, als Analogie, denn das sei ja auch glücklich über das kostenlose Futter.

Bei der Auswertung unseres Pilotprojektes zum §52a UrhG sind es hingegen Lehrende, die durch Naivität auffallen. In diesem Pilotprojekt muss (vereinfacht gesagt) urheberrechtlich geschütztes Material, das für die Lehre verwendet und weitergegeben wird und für das keine spezielle Lizenz vorliegt, einzeln erfasst werden. Was unmittelbar zur Kernfrage führt: Was ist eigentlich urheberrechtlich geschütztes Material?  Etwa auch „frei im Internet“ auffindbare Texte? Also solche, die jeder auf Seiten wie ZEIT Online oder Spiegel Online aufrufen und herunterladen kann? Weshalb sollte ich die meinen Studierenden nicht einfach so geben dürfen?

Denken da Lehrende tatsächlich, das Geschäftsmodell von ZEIT und Spiegel Online bestünde darin, Informationen und Reportagen zu verbreiten? Ha! Ha ha! Es muss doch jeder wissen, dass das Geschäftsmodell allein darin besteht, Menschen auf die eigene Seite zu locken, damit sie sich dort Werbung anschauen. Bei der Kaffeefahrt darf ich auch nicht das kostenlose Schlemmermenü verknuspern ohne die Heizdeckenverkaufsschau zu erdulden. Und deshalb dürfen selbstverständlich Texte, die „frei im Internet“ stehen nicht ohne weiteres weitergegeben werden.

Kostenlose Zusatzinformation: Wenn sich an einem fremden Werk, das ich irgendwo finde, kein Hinweis auf das Urheberrecht findet, bedeutet das mitnichten, dass das Urheberrecht für dieses Werk nicht gelte. Im Gegenteil: Urheberrecht muss nicht erklärt werden, sondern gilt automatisch. (Vereinfacht gesagt.)